"ART PROTECTS YOU"
on demand

Projektraum VIERTELNEUN-Gallery
Wien 2014

JOCHEN TRAAR – ON DEMAND Von Thomas Edlinger

Es ist 20 Jahre her, da platzierte Jochen Traar ein sogenanntes strategisches Objekt 24 in zweo sehr unterschiedliche Bezirke Wiens, einmal zentral und einmal an der Peripherie. Das Objekt war ein weißer Heizkörper, das an das öffentliche Fernwärmenetz angeschlossen war. Man konnte sich damals im Winter also an dem Objekt tatsächlich wärmen.

Ein Heizkörper dieser Art zeichnet normalerweise einen Innenraum aus und zwar einen privaten. Mit diesem Objekt stülpte Traar das Private nach außen auf die Straße. Zugleich ist ein industriell gefertigter Heizkörper auch nichts sonderlich Intimes . Er erzählt und verrät kaum etwas über die Person, in dessen Wohnraum er aufgestellt ist. Er ist ein funktionales Objekt, dessen Funktionalität zugleich geprüft als auch unterwandert wird – schließlich kann man nicht den Winter im Freien beheizen. Zugleich wird, lange bevor die Heizpilze vor Lokalen und damit die Kommerzialisierung beheizter öffentlicher Räume in Mode kamen, auf spielerische Weise in der Öffentlichkeit plötzlich das Soziale befragt: Wer versammelt sich am Heizkörper, wer kommt da zufällig zusammen, worüber wird da gesprochen, gehen die Leute mit einer anderen Idee vom öffentlichen Leben und von der Gestaltbarkeit öffentlicher Plätze wieder auseinander?

Nun, 20 Jahre später, widmet sich Traar unter seinen langjährigen Credo art protects you wieder dem Verhältnis von privaten, uneinsichtigen Innenräumen und dem Außen der Straße. Was wir heute hier sehen, ist zu allererst einmal eine doppelte Zurückweisung. Zurückgewiesen wird die Vorstellung einer Kunst im öffentlichen Raum, die sich dem zufälligen Passanten ins Blick drängt und die in Konkurrenz mit anderen Bildern oder Objekten um Aufmerksamkeit ringt. Denn wir sehen ja zunächst nicht viel außer den Rollbalken, die das verhüllen, was gesehen werden soll. Wobei natürlich das Bild der Verhüllung selbst auch ein Bild ist, das das Nicht-Sichtbare erst zum Interesse des Blicks macht. Zurückgewiesen wird aber auch eine herkömmliche Vorstellung dessen, was eine Galerie normalerweise macht. Eine Galerie lockt oft mit ausladenden Fensterflächen ins Innere. Diese Galerie zeigt mit ihren geschlossenen Rollbalken an, dass sie sich dieser Form der Eigenwerbung verweigert. Sie zeigt an, dass sie nichts zu zeigen gewillt ist. Die Verweigerung der Offenheit bzw. die Reflexion über die Zugangs- und Zutrittsbedingungen zu Ausstellungsräumen wurde in der institutionskritischen Kunst schon öfter durchgespielt: Santiago Sierra mauerte auf der Biennale in Venedig 2003 den Eingang zum Spanischen Pavillon zu und ließ über den Hintereingang nur Besucher mit einem spanischen Pass hinein, die Räume innen waren leer. Um das andere Extrem der politischen Exklusion ( nicht um die Erschwernis des Hineinkommens um dort dann mit dem das große Nichts konfrontiert zu werden), sondern um die Erschwernis, wieder herauszukommen, ging es in einer Arbeit der argentinischen Künstlerin Graciela Carnevale 1968. In ihrer Aktion „Einsperren“ ließ sie das Publikum zur Vernissage in eine Galerie in Rosario, um dann die Galerie von außen ohne Vorwarnung und weitere Erklärungen zuzusperren. Die Aktion wurde ohne interne Gewaltausbrüche, aber durch das Eintreffen der Polizei beendet.

Auch heute muss man etwas tun, um zumindesteinen Blick in die Galerie werfen zu können. Man braucht keinen Pass, sondern ein Mobiltelefon. On demand – so heißt die Arbeit hier. Aber wer schafft dabei an? Wir, die wir uns die Kunst quasi aus dem Innenraum downloaden können? Oder der Künstler, der den Zugangscode bereitstellt? Oder ist es die Technik selbst, die hier bestimmt, was möglich ist? Man muss jedenfalls eine Nummer anrufen – und Sesam öffne dich – der Blick, aber nicht der Weg in das Innere werden frei. Nun geht es nochmals um die kontrollierte Aktivierung des Publikums, das über nochmalige Anrufe die insgesamt fünf verschiedenen Installation zum Leben erwecken kann. Der Anruf ist so etwas wie das anonymisierte Türklingeln. Nur öffnet kein Mensch, sondern ein technisches Programm.

Ohne Menschen wird aber immer unklarer, was im On Demand-Vollzug noch privat und was öffentlich ist. Privatheit ist eine bürgerliche Idee. Heute, wo Subjekte als Informationsbündel für Big-Data-Auswertungen dienen und wir uns immer öfter als Summe unserer vernetzten Handlungen erfahren und begreifen, ist nicht mehr klar, ob die alte, vielleicht überkommene Idee der Privatheit überhaupt noch zu retten ist. In jedem Fall langt es nicht, sich passiv im Bezug auf sein Recht auf Privatheit zu verhalten und sich einfach in den Lehnstuhl fallen zu lassen. Man muss umgekehrt aktiv werden, um Privatheit überhaupt noch herstellen zu können, Privatheit wird zur Arbeit und steht nicht mehr für jene geschützte Sphäre bürgerlichen Lebens, wo die Arbeit Pause hat und man einfach nur Mensch mit all seinen Schwächen und Leidenschaften ist. Wenn man so will: Privatheit wird jetzt zu einer Standardeinstellung, die man immer wieder nachbessern muss, weil sie nicht mehr selbstverständlich ist.

Das Mobiltelefon ist eines der beliebtesten Geräte zur freiwilligen Aufkündigung der Schutzes vor Überwachung. Zugleich ist es aber auch ein Medium der sozialen Verabredung, dass Ohnmächtige und Unterprivilegiert zu mobilen Gegenmächten vereinen kann. Was wartet im Innenraum von On Demand auf uns? Es sind lapidar erscheinende Installationen , die verschiedenste Formate zwischen Skulptur und Lichtkunst bedienen. Sie beschäftigen sich mit Rasenmähern genauso wie zum Beispiel mit kinetischer, dreidimensionaler Malerei in Form von Tischtennisbällen vor dem referenziellen Hintergrund ikonischer Bilder des abstrakten Expressionismus. Manches davon erinnert in seiner slapstickhaften Lakonie und seinem Sprachwitz auch an ältere Arbeiten von Jochen Traar, dieses Spezialisten für Kunst im öffentlichen Raum. Diese hatten zum Beispiel mit anthropomorphen Formen von Dingen wie Straßenlaternen oder Lampen gespielt und so an absurdistische Arbeiten wie die Straßenlaterne für Betrunkene von Martin Kippenberger, aber auch an Animationsfilmklassiker über kommunizierende und fühlende Lampen denken lassen.

Dass die Installationen wieder per Telefon aktiviert werden müssen, weist nochmals demonstrativ auf den Unterschied von Installation zu Skulptur hin. Die Installation, die seit den 1980-er Jahren zu einem zentralen Medium zeitgenössischer Kunst geworden ist, zeichnet sich durch die Gestaltung eines künstlerischen Environments aus. Im Unterschied zur Skulptur oder dem Monument ist sie nicht nur als Objekt äußerlich betrachtbar, sondern auch betretbar bzw. so erfahrbar, dass sie den Gegensatz von Innen und Außen problematisiert und das Zusammenspiel von Kunst und Raum körperlich erfahrbar ist. Die Installation kann daher als selbstreflexive Weiterentwicklung der Skulptur gelten, in der der Körper als entscheidende Dimension der ästhetischen Erfahrung in den Vordergrund gerückt wird.

Normalerweise. Doch wo ist hier das partizipative Element? Wo die körperliche Erfahrung? Offensichtlich haben wir es hier mit einer Installation zu tun, die ein unsichbares „Betreten verboten“-Schild trägt. Eine Installation löst üblicherweise das statisch gedachte Verhältnis von Werk und Rezeption in Performativität und Prozessualität auf. Sie bezieht sich dabei auf einen Raumbegriff, der immer auch als ein gesellschaftliches Konstrukt verstanden werden muss. Wenn der Raum gemacht ist, dann ist er aber immer auch ein vorläufiger, veränderbarer Raum, der sich für andere Besetzungen öffnen kann. Michel de Certeau, der Vordenker eines interventionistischen Urbanismus, weist in seinem Werk immer wieder das Transformationspotential öffentlicher Räume hin und tritt für eine kritische Praxis alltäglicher Selbstermächtigung der Stadtbenutzerinnen ein: „Insgesamt stellt sich der Raum dar als der Ort, mit dem man etwas macht“.

In Jochen Traars Fall heute erfindet sich dieser gemachte Raum zwischen Innen und Außen, öffentlich und privat. Ein Raum, der erst entsteht, weil wir ihn heute On Demand erschaffen.